Mervin Smucker. Die Rolle des Rapports in der Behandlung durch Magnetiseure

Basierend auf dem 2. Kapitel Die Entstehung der Dynamischen Psychiatrie aus dem Buch von Henri F. Ellenberger: Die Entdeckung des Unbewussten, Diogenes Verlag 2005

Die französischen Mesmerianer verstanden, so wie ihre deutschen Kollegen, die grundlegende Rolle des Rapports als therapeutisches Agens der Behandlung. Carl Alexander Freidrich Kluge beschrieb in seinem Lehrbuch von 1811, der Magnetiseur bilde mit seinem Patienten einen „magnetischen Kreis“, d.h. eine nach außen hin geschlossene Welt zweier Individuen, die vor äußeren Störungen wie Lärm, Licht und anderen Einflüssen geschützt werden müsse.

Friedrich Hufeland beschrieb als Rapport, in einem Artikel über Sympathie in 1811, den Vergleich zwischen der Einheit Magnetiseur – Patient mit der Beziehung zwischen dem Fötus und einer schwangeren Frau. Die Behandlung durchlaufe die Reifung eines ungeborenen Kindes bis zu seiner Geburt, und die Geburt entspreche dem Ende der Behandlung.

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Mervin Smucker, 2013. Klecksographien von Justinus Kerner

Basierend auf dem 2. Kapitel Die Entstehung der Dynamischen Psychiatrie aus dem Buch von Henri F. Ellenberger: Die Entdeckung des Unbewussten, Diogenes Verlag 2005

Justinus Kerner (1786 bis 1862) wuchs in Württemberg als Sohn eines Staatsbeamten auf. Sein Elternhaus lag direkt neben der „Irrenanstalt“ und er konnte von seinem Fenster aus die Kranken sehen. Er wurde im zwölften Lebensjahr durch den Magnetiseur Gmelin von einem nervösen Leiden geheilt. Fortan interessierte er sich für die Geheimnisse des menschlichen Geistes. 1819 wurde er Arzt und praktizierte bis 1862 in Weinsberg in Württemberg. Er hatte großes Interesse für das Geheimnisvolle und das Okkulte und er war der erste, der relevante biographische Dokumente über Mesmers Leben sammelte. Die Patienten in seiner Praxis, die ihm „besessen“ erschienen, behandelte er mit einer Mischung aus Exorzismus und Magnetismus.

Als er im Alter in eine ausgeprägte Depression fiel, machte er zum Zeitvertreib Tintenkleckse auf ein Blatt Papier, faltete es und führte die entstandenen Figuren weiter aus. Er beschrieb diese fantasievollen Formen in Versen. Diese Bilder seien Geister und Ungeheuer, sagte er. Posthum wurden diese Bilder unter dem Titel „Klecksographien“ veröffentlicht, und wurden später für Herrmann Rorschach eine Quelle der Anregung für seinen „Rorschach-Test“.

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Mervin Smucker (2014). KVT Behandlungen Posttraumatischer Belastungsstörung: Kritik und Vorschläge in Bezug auf zukünftige Forschungs- und Interventionsbereiche

In den letzten Jahren ist viel über die relative Wirksamkeit von (in Konkurrenz  stehenden) kognitiven und verhaltenstherapeutischen Behandlungen der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) diskutiert worden. Leider ist immer noch viel zu wenig darüber bekannt, wann, warum und unter welchen Bedingungen empirisch gestützte spezifische Behandlungsinterventionen für eine Traumafolgestörung erfolgreich oder nicht erfolgreich sein könnten. Dazu ist die Kritik angemessen, dass die bisherigen Konzeptualisierungen, Beschreibungen und empirischen Evaluationen von PTBS- Behandlungsverfahren nicht tiefgründig genug sind in: (1) der Untersuchung der spezifischen Behandlungsbestandteile verschiedener Behandlungsmethoden, (2) der Identifikation der primären PTB-Emotionen (z.B. Angst vs. nicht-Angst-bezogene Emotionen wie Wut, Schuld und Scham) und (3) der Berücksichtigung der spezifischen Typen von Traumata, die traumatisierte Patienten erlitten hatten (z.B. Typ I vs. Typ II Traumata, menschgemachte vs. nicht-menschgemachte Traumata). Die Behandlungen von Traumafolgestörungen könnten davon profitieren, wenn Wissenschaftler im Traumabereich die Behandlungsinterventionen berücksichtigen und abstimmen würden (1) mit dem Typ und der Art des Traumas und (2) mit spezifischen traumabezogenen Merkmalen und Symptomen, einschließlich der Identifikation primärer und sekundärer traumabezogener Emotionen und Kognitionen.

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Mervin Smucker, Die theoretischen Grundprinzipien der verlängerten Exposition als Behandlung für traumatisierte Menschen, die unter einer posttraumatischen Belastungs-störung leiden

Mervin Smucker

Bei der verlängerten Exposition handelt es sich um eine auf den theoretischen Prinzipien der klassischen Konditionierung fundierte behaviorale Behandlung, die sich der Exposition, Habituation, Desensibilisierung und Extinktion bedient, um Angst und Furcht zu reduzieren. Ein primäres Ziel der verlängerten Exposition in einer Traumabehandlung ist, dass Patienten lernen, dass sie traumatische Erinnerungen und die damit verbundene Aufregung tolerieren können, ohne davon völlig überwältigt zu werden. Genauer gesagt wird den Patienten beigebracht, dass Vermeidung nicht zu einer längerfristigen Besserung führt, dass traumatische Erinnerungen ertragbar sind und dass Furcht und Angst, die durch diese Erinnerungen ausgelöst werden, letztlich verlorengehen, wenn eine häufige Exposition stattgefunden hat. Den Prozessen der Habituation und der Desensibilisierung wird in diesem Rahmen die Funktion beigemessen, die emotionale Verarbeitung der traumatischen Erinnerungen dadurch zu erleichtern, dass “korrektive Informationen” bereitgestellt werden (z.B., dass das traumatische Ereignis selbst Vergangenheit ist und nicht länger eine gegenwärtige Bedrohung darstellt oder dass die traumatischen Erinnerungen aushaltbar sind und verarbeitet werden können, ohne davon vollkommen überwältigt zu werden). Erweist sich die verlängerte Exposition als wirksam, so bewirkt sie eine substantielle Reduzierung der Häufigkeit und der Schwere von PTB Symptomen (z.B. von intrusiven Erinnerungen und von Vermeidung).

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Mervin Smucker (2014): Menschliche Bindungen und Tod: Der Hintergrund zur Trauer

Der Verlust eines nahen Menschen bringt großen emotionalen Schmerz mit sich und Trauer. Es kann vermutet werden, dass dieser Schmerz eine Bedeutung für die menschliche Spezies hat – dass es die Funktion erfüllt, Bindungen in der sozialen Gruppe herzustellen: die Gruppe, die für das Überleben notwendig ist.

Die Bindungen in menschlichen Gesellschaften zeigen sich in vielen verschiedenen Formen.
Es gibt die intensiven, intimen, zusammengewebten Bindungen der Ursprungsfamilie.
Es gibt die machtvollen Bindungen der weiteren Familie – Bindungen des Bluts, der Verwandtschaft, des geteilten Hintergrunds, der geteilten Erfahrungen.
Es gibt auch die Bindungen großer Freundschaften – wertgeschätzte, dauerhafte, die auf den Gleichartigkeiten der Persönlichkeit aufbauen.
Es gibt die komplexen sozialen Bindungen der Nachbarschaft und des Arbeitsplatzes, von Bekanntschaften und Gemeinschaften, die das soziale Milieu ausmachen, in dem er Einzelne lebt. Von Geburt an bis zum Tod wird das Gebilde der Familie und sozialen Beziehungen den persönlichen Zusammenhang bilden, die das Eigentliche der menschlichen Existenz sind.

Der Tod ist auch ein unausweichlicher Teil der menschlichen Erfahrung. Die Wahrnehmung des Todes wächst langsam in der Kindheit heran, sie färbt die späteren Jahre mit Angst und Verneinung, Geistern und Zauberspielen. Das Spektrum des Todes ist die Antithese des Antriebs und der Freude während der Adoleszens – der Tod scheint unmöglich, wenn doch alles Wachstum und Liebe ist; doch in der Dunkelheit des Todes liegt sowohl Mysterium und als auch Romantik.

(Nach einem Text von The Anatomy of Bereavement von Beverley Raphael)

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Mervin Smucker – Gruppenidentität, Gemeinschaft und Familienleben in der Amischen Kultur.

© Mervin Smucker 2013

Identität in der Familie und der Gruppe wird in der Amischen Kultur hoch geschätzt. Mitglieder werden dauerhaft ermahnt, dass Selbstaufgabe und Bescheidenheit äußerst notwendig sind um die Belohnungen des Familien- und Gemeinschaftslebens zu erleben. Ungehorsam, Nicht-Konform-Sein und Individualität werden nicht geduldet.
Abtrünnige Mitglieder werden exkommuniziert und lebenslang ausgestoßen, falls sie sich nicht bekennen und ihr Verhalten ändern. Ein gewisses Maß an Rebellenhaftigkeit und antisozialem Verhalten tritt unter den unverheirateten, ungetauften amischen Jugendlichen auf, die noch nicht der Ordnung (den Regeln der Kirche) unterworfen sind. Diese „Wildheit“ ist besonders im Leben der jungen alleinstehenden männlichen Erwachsenen verbreitet. Nach der Hochzeit muss sich das Individuum jedoch an die grundlegenden Prinzipien der Ordnung halten oder er riskiert, von der amischen Gemeinschaft ausgestoßen zu werden.

Mehr: Mervin Smucker Ph. D. (engl.)
Youtube Channel: Mervin Smucker

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Mervin Smucker – Die Haltungen von Amischen und Nicht-Amischen Kindern gegenüber ihren Familien

© Mervin Smucker 2013

Die Haltungen von Amischen und Nicht-Amischen Kindern gegenüber ihren Familien: ein interkultureller Vergleich.
Zwei hundert Schulkinder aus dem ländlich gelegenen Südosten Pennsylvaniens wurden befragt. Der Querschnitt wurde aus Schulkindern von der vierten bis zur achten Klasse gebildet. Amische Schüler aus der vierten Klasse bewerteten ihre Familien negativer auf der Semantischen Familien- Einstufungsskala ein als Schüler im gleichen Alter, die nicht-amischer Herkunft waren. Demgegenüber stuften amische Schüler der siebten und achten Klassen positiver ein als andere nicht-amische Achtklässler. Diese Ergebnisse lassen vermuten, dass die familiäre und kulturelle Anpassung für amische Kinder früher beginnen und auch früher enden im Vergleich zu nicht-amischen Kindern. Das junge präpubertäre amische Kind könnte die Arbeitsanforderungen, die ihm von seiner Familie gestellt werden, eher kritisieren und verübeln als ein gleichaltriges nicht-amisches Kind. Im Alter von fünfzehn Jahren, sobald das amische Kind mit der formellen Schulausbildung fertig ist, wird es wahrscheinlich bereits seine „Krise“ bezüglich seiner sozialen Umgebung überwunden haben, wohingegen viele Amerikanische fünfzehnjährige Jugendliche sich von Familie, Gleichaltrigen und gesellschaftlichem Druck überfordert fühlen.

Mehr über die Amischen: Mervin Smucker (englisch)

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